Der Arbeitsmarkt hat sich gedreht, und nicht zum Vorteil der Kleinen. Für viele mittelständische Betriebe ist die Mitarbeitergewinnung vom gelegentlichen Projekt zur Dauerbaustelle geworden. Konzerne halten dafür ganze Abteilungen vor. Der Handwerksmeister, die Kanzleiinhaberin, der Pflegedienstleiter dagegen erledigen das nebenbei, oft am Küchentisch, oft ohne Erfolg.
Für genau diese Zielgruppe hat der Employer-Branding-Experte PhDr. Oliver Scharfenberg einen neuen Praxisleitfaden zur Mitarbeitergewinnung vorgelegt. Uns hat besonders interessiert, was das Werk mit einem Kernthema des DIQP verbindet: der Frage, wie Arbeitgeber ihre Qualität glaubwürdig sichtbar machen und welche Rolle Arbeitgebersiegel dabei spielen. Wir haben nachgefragt.
Das Wichtigste in Kürze
- Mitarbeitergewinnung umfasst alle Maßnahmen, mit denen ein Unternehmen passende Bewerber anzieht und einstellt – von der Arbeitgeberpositionierung über die Kanalwahl bis zum Onboarding.
- In KMU beginnt erfolgreiche Mitarbeitergewinnung nicht bei der Stellenanzeige, sondern bei einer ehrlichen Bestandsaufnahme und einer klaren Arbeitgebermarke.
- 2026 verschieben drei EU-Regelwerke (Entgelttransparenz, EmpCo-Richtlinie, EU AI Act) die Spielregeln im Recruiting.
- Arbeitgebersiegel wirken als Qualitätssignal – aber nur, wenn sie auf einer repräsentativen Mitarbeiterbefragung und transparenten Kriterien beruhen.
Warum Mitarbeitergewinnung für KMU zur Daueraufgabe wird

Praxisleitfaden zur Mitarbeitergewinnung im Mittelstand von PhDr. Oliver Scharfenberg
Über den Fachkräftemangel wird seit Jahren geredet. Warum jetzt ein ganzes Buch?
Weil sich der Charakter des Problems verändert hat. Aus dem Fachkräftemangel ist ein allgemeiner Arbeitskräftemangel geworden. Die Demografie lässt da wenig Spielraum: 2024 lag die Geburtenrate bei 1,35 Kindern je Frau, gut 677.000 Kinder kamen zur Welt. Das sind die Bewerber von übermorgen, und es sind schlicht zu wenige. Diese Lücke wächst nicht zyklisch, sie wächst dauerhaft. Und sie trifft kleine Betriebe härter als alle anderen, weil sie um dieselben Leute kämpfen wie die Großen, nur eben ohne deren Apparat.
Sie sprechen gezielt kleine und mittlere Unternehmen an. Was machen die anders als ein Konzern?
Vieles. Vor allem aber haben sie niemanden, der sich hauptberuflich um die Personalgewinnung kümmert. Der Chef ist Vertrieb, Buchhaltung und Recruiter in einer Person. Trotzdem konkurriert er mit Unternehmen, die ein Vielfaches investieren. Mein Ausgangspunkt war eine Beobachtung aus über zwanzig Jahren Beratung: Es gibt kleine Betriebe, die unter genau diesen Bedingungen zuverlässig gute Leute finden, während die Konkurrenz von nebenan leer ausgeht. Das ist kein Glück. Das lässt sich erklären, und damit auch lernen.
Arbeitgebersiegel als Qualitätssignal in der Mitarbeitergewinnung
Damit sind wir beim Thema des DIQP. Sie haben über das Arbeitgebersiegel eine PhDr. Arbeit geschrieben. Bringen die überhaupt etwas?
Ja, und das ist belegbar. Ein Arbeitgebersiegel ist ein Qualitätssignal, es schließt eine Informationslücke. Von außen kann ein Bewerber kaum beurteilen, wie es sich in einem Unternehmen tatsächlich arbeitet. Das Arbeitgebersiegel gibt ihm einen Anhaltspunkt. In meiner PhDr. In meiner Abschlussarbeit habe ich in einem groß angelegten Experiment untersucht, wie sich solche Siegel auf das Bewerbungsverhalten auswirken. Der Effekt ist da, und er ist messbar. Er hängt allerdings an einer Bedingung.
Welcher?
Dass das Siegel hält, was es verspricht. Im Buch unterscheide ich vier Kategorien von Arbeitgebersiegeln, und die Spanne ist groß. Am einen Ende stehen Auszeichnungen, hinter denen kaum mehr steckt als eine Selbsteinschätzung oder eine Jurystimmung. Am anderen Ende stehen Verfahren, die auf einer repräsentativen Mitarbeiterbefragung beruhen und ihr Vergabeverfahren offenlegen. Für den Bewerber sehen zunächst alle gleich aus, ein Logo auf der Karriereseite eben. Die Frage ist bloß, ob darunter eine überprüfbare Methodik liegt oder ob das Siegel im Grunde gekauft wurde.
Woran erkennt ein Unternehmen ein seriöses Siegel?
An drei Dingen. Stammt das Ergebnis aus einer unabhängigen, repräsentativen Befragung der Belegschaft, im Idealfall einer Vollerhebung, und nicht aus der Eigenwerbung? Sind Verfahren und Kriterien transparent und öffentlich nachlesbar? Und gibt es eine Ergebnisseite, auf die das Unternehmen verlinken kann? Wer hier dreimal Ja sagen kann, hat ein Siegel mit Aussagekraft. Sonst ist es Dekoration. Und mit der EmpCo-Richtlinie ab 2026 könnte Dekoration womöglich zum rechtlichen Risiko werden, weil Social Washing dann reguliert ist.
Recruiting 2026: Neue rechtliche Spielregeln für die Mitarbeitergewinnung
Sie nennen 2026 ein Schlüsseljahr. Warum?
Weil drei EU-Regelwerke gleichzeitig den Rahmen verschieben, und weil viele Inhaber das noch gar nicht auf dem Schirm haben. Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie muss bis zum 7. Juni 2026 umgesetzt sein. Konkret heißt das: Gehaltsspannen gehören spätestens zur Einladung kommuniziert, und die Frage nach dem bisherigen Verdienst ist tabu. Die EmpCo-Richtlinie gegen Greenwashing und Social Washing greift ab dem 27. September 2026. Der EU AI Act schließlich stellt ab dem 2. August 2026 Anforderungen an KI-Systeme im Recruiting. Mein Buch ist, soweit ich sehe, einer der ersten deutschsprachigen Leitfäden, der diese drei Themen gebündelt für KMU einordnet. Nicht juristisch, sondern handfest: was tun, was lassen.
Künstliche Intelligenz in der Mitarbeitergewinnung
KI im Recruiting wird gehypt und zugleich verteufelt. Wo stehen Sie?
Dazwischen, ganz bewusst. Die einen glauben, ein Tool erledige künftig die gesamte Personalgewinnung, die anderen rühren das Thema aus Angst gar nicht erst an. Beide liegen daneben. KI hilft heute schon spürbar, etwa wenn aus einer leeren Seite in zehn Minuten ein brauchbarer Entwurf für eine Stellenanzeige wird. Sie stößt aber an Grenzen, und sie birgt Risiken. Wer eine KI Bewerbungen vorsortieren lässt, ohne zu wissen, worauf das System trainiert wurde, produziert womöglich Diskriminierung, ohne es zu bemerken. Deshalb gebe ich einen nüchternen 30-Tage-Fahrplan an die Hand, mit dem ein Betrieb pragmatisch und rechtskonform einsteigen kann.
Methoden der Mitarbeitergewinnung: Was für KMU wirklich funktioniert
Wenn ein Betrieb morgen anfangen will – welche Methoden der Mitarbeitergewinnung lohnen sich für KMU wirklich?
Ich unterscheide gern zwischen internen und externen Wegen, weil viele die internen unterschätzen. Intern heißt: die eigene Belegschaft entwickeln, versetzen, vor allem aber Mitarbeiterempfehlungen nutzen – die beste und günstigste Quelle, die ein kleiner Betrieb überhaupt hat. Extern reicht das Spektrum von der eigenen Karriereseite über Stellenportale und Social-Media-Recruiting bis zu Active Sourcing, Hochschul- und Ausbildungsmarketing und, wo es passt, Headhuntern.
Mein Rat ist aber immer derselbe: bloß nicht alles gleichzeitig. Lieber zwei oder drei Kanäle, die zur Zielgruppe und zum Budget passen, und die dafür richtig bespielen. Ein Handwerksbetrieb braucht etwas völlig anderes als eine IT-Firma. Wer alles ein bisschen macht, macht nichts gut.
Und der Aufbau? Beginnt man mit der Stellenanzeige?
Nein, viel früher. Das Buch folgt der Candidate Journey, also dem Weg, den ein Bewerber wirklich nimmt. Es startet mit einer unbequemen Frage: Wer sind Sie eigentlich als Arbeitgeber, und was bieten Sie wirklich? Bevor Geld in Anzeigen fließt, sollte ein Betrieb wissen, wie er auf die eigenen Leute und auf Außenstehende wirkt. Deshalb gehört eine ehrliche Mitarbeiterbefragung an den Anfang jeder Mitarbeitergewinnung, nicht ans Ende. Erst danach kommen Wettbewerb, Zielgruppen, Kanäle und Onboarding.
Was nimmt ein Leser ganz konkret mit nach Hause?
Werkzeuge, keine Theorie. Acht Anlagen, die sich sofort einsetzen lassen und auf die ich, ehrlich gesagt, am meisten stolz bin. Fertige Musterstellenanzeigen für Handwerk, Büro und IT. Eine Onboarding-Checkliste für die ersten Wochen. Einen Leitfaden für strukturierte Probezeitgespräche. Eine komplette Mitarbeiterbefragung zur Arbeitszufriedenheit. Und zwei Übersichten zu Benefits, einmal mit Steuervorteilen, einmal mit dem, was bei Beschäftigten wirklich zieht. Dazu kommen 17 Infografiken und vier ausführliche Praxisbeispiele, von der Vier-Tage-Woche über das Handwerk bis zu Pflege und Industrie. Am Ende steht ein Acht-Schritte-Plan, der das Ganze in eine Roadmap übersetzt.
Das Buch zur Mitarbeitergewinnung im Überblick
Für wen ist das Buch gedacht, und was kostet es?
Für Inhaberinnen und Inhaber, Geschäftsführung und Personalverantwortliche in kleinen und mittleren Betrieben, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Also für die, die keine große HR-Abteilung haben, aber trotzdem professionell rekrutieren wollen.
Am Preis soll es nicht scheitern. Gegen eine Newsletter-Anmeldung gibt es den Leitfaden kostenfrei als PDF, samt vollständigem Inhaltsverzeichnis, auf der Buchseite. Abbestellen kann man jederzeit, das Buch darf man behalten.
Zum Schluss, ein Satz für den überlasteten Betriebsinhaber?
Mitarbeitergewinnung ist kein Geheimwissen der Konzerne, sondern Handwerk. Man muss wissen, wo man anfängt und welche Hebel wirklich ziehen. Den Rest, die konsequente Umsetzung, kann ich niemandem abnehmen. Aber erst die Umsetzung verändert etwas.
Häufige Fragen zur Mitarbeitergewinnung
Was ist Mitarbeitergewinnung?
Mitarbeitergewinnung umfasst alle Maßnahmen, mit denen ein Unternehmen passende Fachkräfte anzieht, anspricht und einstellt. Dazu gehören die Arbeitgeberpositionierung, die Wahl der Recruiting-Kanäle, der Bewerbungsprozess und das Onboarding. Sie reicht damit weiter als das bloße Ausschreiben einer Stelle.
Was ist der Unterschied zwischen Mitarbeitergewinnung und Personalbeschaffung?
Personalbeschaffung bezeichnet im engeren Sinn das Besetzen einer konkreten offenen Stelle. Mitarbeitergewinnung ist der übergeordnete Prozess: Sie sorgt dafür, dass ein Unternehmen überhaupt als Arbeitgeber attraktiv und sichtbar ist, damit genügend passende Bewerbungen eingehen.
Welche Maßnahmen zur Mitarbeitergewinnung eignen sich für KMU ohne großes Budget?
Besonders wirksam und günstig sind interne Wege wie Mitarbeiterempfehlungen, dazu eine überzeugende Karriereseite, gezieltes Social-Media-Recruiting und regionale Sichtbarkeit. Entscheidend ist, sich auf zwei bis drei passende Kanäle zu konzentrieren statt alles gleichzeitig zu versuchen.
Was ändert sich 2026 bei der Mitarbeitergewinnung?
Drei EU-Regelwerke verschieben den Rahmen: die EU-Entgelttransparenzrichtlinie (Umsetzung bis 7. Juni 2026), die EmpCo-Richtlinie gegen Greenwashing und Social Washing (ab 27. September 2026) und der EU AI Act für KI-gestütztes Recruiting (ab 2. August 2026).
Wie hilft ein Arbeitgebersiegel bei der Mitarbeitergewinnung?
Ein glaubwürdiges Arbeitgebersiegel wirkt als Qualitätssignal und reduziert die Unsicherheit von Bewerbern. Aussagekraft hat es allerdings nur, wenn es auf einer unabhängigen, repräsentativen Mitarbeiterbefragung und einem transparenten, öffentlich nachvollziehbaren Vergabeverfahren beruht.
Der Praxisleitfaden im Überblick
- 218 Seiten Praxiswissen zur Mitarbeitergewinnung, kompakt aufbereitet
- 13 Kapitel – vom demografischen Wandel bis zur KI-Einführung
- 17 Infografiken und 8 sofort einsetzbare Anlagen für die Praxis
- über 100 Quellen sowie ein klickbares Inhaltsverzeichnis mit 115 Querverweisen
- Rechtsstand Mai 2026 inklusive EmpCo-Richtlinie, Entgelttransparenz und EU AI Act
- Format PDF (A5), E-Book-ISBN 978-3-9826678-3-6, für Newsletter-Abonnenten kostenfrei
Zur Person
PhDr. Oliver Scharfenberg ist seit über zwanzig Jahren unternehmerisch tätig und auf Marketing und Employer Branding spezialisiert. Nach dem betriebswirtschaftlichen Abschluss erwarb er einen MBA mit Schwerpunkt Marketing an der Middlesex University in London und anschließend den Titel PhDr. (Doctor of Philosophy) im Bereich Wirtschaft und Management an der DTI-University. Er hat über 750 Unternehmen beraten und gilt als Experte für Employer Branding, Marketing und das Gütesiegel.